Na, du melancholischer Trinker?
Das war das erste, was ich je zu Max Goldt gesagt habe, als er nach seiner ersten Lesung im Bremer Café Kairo allein mit einem Beck's und einer Uigarette an der Theke stand; und das letzte, was ich dem nicht minder melancholischen Walter Kempowski mailte, waren Frauenklo-Graffiti aus den 70er Jahren. Mehr hatten wir einander nicht zu sagen, aus welchen Gründen auch immer; doch die Reserviertheit beider Herren hat mich durchaus nicht davon abhalten können, jahrzehntelang für ihr Werk zu werben, ob im Buchhandel oder privat. Deshalb (aber nicht nur deshalb) sitze ich jetzt, nach gar zu langer Schreibpause, melancholisch rauchend und mit einer Flasche Beck's vor meinem Rechner und kann nicht darüber jubeln, daß Max Goldt nun, da seine Epigonin Kathrin Passig den Bachmannpreis erhalten hat und Kempowski tot ist, offenbar als sein Nachfolger gehandelt wird, da er den deutschen Alltag bis zur Kenntlichkeit entstelle, also 25 Jahre lang sonderbare Lieder singen und Kolumnen schreiben mußte, bis die Kleist- und Hugo-Ball-Preis-Juroren endlich wach genug waren, um zu bemerken, daß sie ihn, wie zuvor Kempowski, jahrzehntelang nicht bemerkt oder bestenfalls belächelt, die unsäglich schlichte Judith Herrmann und nicht minder humorlose popelige Literaten ihrer Generation jedoch zu Repräsentanten der Berliner Republik ausgerufen hatten, the 51st state of America, bis Amerika bzw. das, was die meisten Deutschen dafür hielten, denn doch ein wenig aus der Mode kam, und man sich wieder auf Old Europe zu besinnen begann, ganz klammheimlich, und noch heimlicher darauf, daß wir nun einmal keine Amis sind, sondern eigene Probleme und eigene Themen haben und sogar eine eigene Sprache, in der man sogar les- und hörbar schreiben kann, ja sogar äußerst geistreich, wenn man es nicht verschmäht hat, sich an all jenen Meistern zu schulen, die, wie Legionen von Lehrern gern glaubten, weil es ihnen viel Lesezeit ersparte, Auschwitz usw. usf. -
Ach! Alles Blödsinn. Unsere uralte kulturelle Tradition hat unser Land ebensowenig geradewegs in den Faschismus hineingetrieben wie die junge Kultur der USA die Welt geradewegs ins Paradies geleitet hat und der Islam ganz allein schuld sein wird am Ende der Menschheit. Jede Kultur ist ambivalent. Und was unsere betrifft bzw, das, was noch von ihr übrig ist, so steht es ihr wohl an, in diesen nicht eben glorreichen Zeiten jene zu ehren, die aus ihr hervorgegangen sind, anstatt die Amis nachzuäffen. Walter Kempowski war so einer, und so einer ist eben auch Max Goldt. Zwischen beiden liegen Welten; doch beiden gemeinsam ist, was den größten deutschen Autoren seit Wieland stets gemeinsam war: eine tiefe Melancholie, zugleich eine tiefe Komik; also genau das, was dazu animiert, dieselben Bücher wieder und wieder zu lesen , und was dazu führt, immer wieder neues darin zu entdecken, bis sich alles auflöst in einer tiefen Heiterkeit, die nichts gemein hat mit dem Optimismus des Amerika, das wiederum nichts gemein hat mit dem vielschichtigen Amerika des genialen Bob Dylan. Und damit komme ich zu jener Stelle, die wohl meine Lieblingsstelle in Kempowskis Tagebuch des Jahres 1991 bleiben wird, also in dem letzten Werk, das er hat fertigstellen können. Es ist so zwiespältig wie gewohnt, politisch hellsichtig und naiv; doch wie all seine Werke gipfelt es jenseits allen Zanks um die DDR und die 68er in einer tiefen Weisheit, die er diesmal so formuliert hat, auf S. 139:
Ach! Alles Blödsinn. Unsere uralte kulturelle Tradition hat unser Land ebensowenig geradewegs in den Faschismus hineingetrieben wie die junge Kultur der USA die Welt geradewegs ins Paradies geleitet hat und der Islam ganz allein schuld sein wird am Ende der Menschheit. Jede Kultur ist ambivalent. Und was unsere betrifft bzw, das, was noch von ihr übrig ist, so steht es ihr wohl an, in diesen nicht eben glorreichen Zeiten jene zu ehren, die aus ihr hervorgegangen sind, anstatt die Amis nachzuäffen. Walter Kempowski war so einer, und so einer ist eben auch Max Goldt. Zwischen beiden liegen Welten; doch beiden gemeinsam ist, was den größten deutschen Autoren seit Wieland stets gemeinsam war: eine tiefe Melancholie, zugleich eine tiefe Komik; also genau das, was dazu animiert, dieselben Bücher wieder und wieder zu lesen , und was dazu führt, immer wieder neues darin zu entdecken, bis sich alles auflöst in einer tiefen Heiterkeit, die nichts gemein hat mit dem Optimismus des Amerika, das wiederum nichts gemein hat mit dem vielschichtigen Amerika des genialen Bob Dylan. Und damit komme ich zu jener Stelle, die wohl meine Lieblingsstelle in Kempowskis Tagebuch des Jahres 1991 bleiben wird, also in dem letzten Werk, das er hat fertigstellen können. Es ist so zwiespältig wie gewohnt, politisch hellsichtig und naiv; doch wie all seine Werke gipfelt es jenseits allen Zanks um die DDR und die 68er in einer tiefen Weisheit, die er diesmal so formuliert hat, auf S. 139:
Ein Demokrat kann nur ein Skeptiker sein. Optimisten taugen nicht zur Demokratie.Deshalb (aber nicht nur deshalb) liebte ich Kempowski; schon lange bevor er in Mode war. Er war ein Melancholiker; und daß Max Goldt einer ist, war mir schon klar, bevor ich ihn allein mit seinem Beck's und seiner Zigarette an der Theke sah: damals, als die neuen Faschisten, die Gesundheitsterroristen, noch nicht das Sagen hatten; damals, als - aber lassen wir das. Nun hat man ihn geadelt; doch wie Walter Kempowski wird er nie ein staatstragender Dichter werden. Denn für diese Rolle ist er viel zu melancholisch, so wie der alte Kempowski es war. Und was ist die schönste Macke eines jeden Melancholikers? Daß er nicht korrumpierbar ist, um keinen Preis dieser Welt.
Optimisten sind potentielle Faschisten.
hweblog - 13. Apr, 05:27




las, geschehen war und, wie ich erst gestern wieder hörte, auch in München kaum geschieht, wenn die in den Feuilletons gefeierten Literaturstars lesen: das Publikum (und eben nicht dasjenige, das Lesungen besucht) saß nicht nur da, hörte nicht nur gelangweilt zu, sondern spitzte seine Ohren, würdigte den Witz der Texte und klatschte langanhaltend Beifall. 




