Freitag, 30. September 2011

Fagottogott, wie kann sie nur!

würden einige meiner Leser heute wieder denken, so wie vor 7 Jahren. Damals wurde Udo Jürgens 70, und ich habe mich (längst nicht zum erstenmal) zu ihm bekannt; und heute ist er 77, und wieder lasse ich es mir nicht nehmen, den Udo hier in diesem Blog zu feiern: freilich mit dem Unterschied, daß dieses Blog beinahe verwaist ist und hier kaum noch jemand mitliest und die Fassungslosen von einst inzwischen gar nicht mehr oder ebenfalls nur noch sporadisch bloggen. Und es gibt noch einen Unterschied. Nicht nur, daß wir eine Bundeskanzlerin haben, die mit unserem Vizekanzler öffentlich darüber spricht, wie es wäre, gemeinsam ein Konzert von Udo zu besuchen; nein: wer sich darüber erhaben dünkt, weil er Angela Merkel und Philipp Rösler nicht zur geistigen Elite zählt, der muß nun zur Kenntnis nehmen, daß der scharfsinnige Michel Friedman sich als Udofan geoutet hat und der über alles erhabene Wagnerianer Vicco von Bülow den Mann am Klavier zu schätzen wußte. Daß der Udo nun im TV so geehrt wird wie einst er, bekommt er leider nicht mehr mit. Doch er hätte sich gefreut, auch über den ARD-Zweiteiler Der Mann mit dem Fagott. Der ist nämlich, gemessen daran, was die Öffentlich-Rechtlichen sonst so produzieren, ganz ganz großes Kino und wird in die TV-Geschichte eingehen, so wie die Verfilmung der ersten Romane von Walter Kempowski oder der TV-Dreiteiler über die Familie Mann. Doch Deutschland wäre nicht Deutschland ohne seine kleingeistigen Journalistinnen und Journalisten, die stets zur Stelle sind, wenn es darum geht, etwas zu verreißen, das nicht in ihr Weltbild paßt.

Mehr darüber werde ich jetzt nicht darüber schreiben; ich will diesen schönen 30. September genießen und nun erst einmal dem Udo alles wünschen, was er sich selber wünscht.

Fortsetzung folgt; noch heute oder morgen.

[Nachtrag, 12. Dezember 2011] Aus der Fortsetzung ist nichts geworden. Manche mögen das bedauern; ich aber nehme es leicht: angesichts dessen, was sich in der Zwischenzeit begab. Denn wieder einmal hat sich gezeigt, daß das tumbe Fanvolk zuweilen schlauer ist als die Besserwisser in den Medien. Diesmal betrifft es Rammstein.

Donnerstag, 14. Juli 2011

Auftakt zu Sibylle Berg

Neinein, jetzt kommt nix Dolles. Jetzt kommt nur ein Zitat, und zwar aus einem Klappentext:
Vierundzwanzig Stunden in einer Großstadt. Vierundzwanzig Stunden Schwarz in Schwarz. Sibylle Bergs Roman Sex 2 ist ein provozierender, beklemmend-faszinierender Clip. Ein gnadenloses Protokoll des täglichen Grauens. Männer und Frauen, Kinder und Greise, Talkmaster, Müllmänner und Ingenieure, alle auf der Jagd nach dem Glück. Oder nach dem kleinen Kick.
Und nun kommt noch ein Zitat, und zwar aus einem Songtext:
Nieselregen ... komm mit, komm mit
Junk & Acid, Koks & Shit
Schatten schwanken durch die Nacht
Tanz der Vampire

Alle suchen nach dem großen Kick
Den die City verheißt
Das Glück muß doch zu finden sein
Wo alles flimmert und gleißt
Dieser Songtext war Ende März 1987 zum erstenmal öffentlich zu hören, ab November 1990 auch auf Vinyl. "Sucht euch einen anderen Texter", sagte damals einer von SPEX zum Gitarristen von The Scarlet Letter aus Bremen, deren Texte ich geschrieben habe. Heute würde so einer fragen: Heißt euer Texter Guttenberg?

Mittwoch, 13. Juli 2011

Hella, die Hebamme

hats mal wieder geschafft. Der Welt ist ein Kindlein erschienen, das sich sehen lassen kann: ein wunderbares Gedicht. Es konnte nur geboren werden, weil die Gebärende mir vertraut und genau das getan hat, wozu Frau Hella ihr geraten hat.

Eine andere Gebärende war nicht so klug, sich zu gedulden, und hat ihr Kind per Kaiserschnitt in die Welt zerren lassen. Es war zu groß für sie. Nun ist es lebendig tot, eines unter vielen, und die Mutter weiß noch immer nicht, was sie verloren hat. Es ist ihr auch egal, weil sie das Kind im Mutterleib nicht so geliebt hat, wie sie es hätte lieben müssen. Während ihrer Schwangerschaft hat sie nicht auf das Kind gehört, sondern nur von sich gesprochen. Ich werde Mutter, ich ich ich. Und weil es ihr völlig unbewußt nur darum ging, hat sie sich im Kreißsaal filmen lassen und ständig auf die Kamera und den Monitor gestarrt und per Lautsprecheranlage mit all denen kommuniziert, die den Geburtsvorgang partout live verfolgen wollten. Bin ich nicht toll? hat sie immer wieder gefragt.

Laß das bleiben, habe ich gesagt. Es geht nicht um dich. Es geht um dein Kind. Konzentriere dich nur auf das Kind. Laß dich nicht filmen. Das lenkt dich ab. Und höre nicht auf das Geschwätz der Leute.

Doch die Gebärende war zu eitel und ihr Arzt zu sehr darauf bedacht, sich mit ihr in Szene zu setzen. Also wurde ich aus dem Kreißsaal hinausgeworfen, und man schritt zum Kaiserschnitt, um all den Leuten endlich präsentieren zu können, was sie unbedingt sehen wollten. Jetzt ist es da, und alle finden es ganz toll. Doch das Kind ist eine Mißgeburt. Betrachtet man seinen Körper genau, wirkt es zusammengeleimt, wie von Frankenstein. Sucht man in seinen Augen, findet man keine Seele. Achtet man auf seine Stimme, hört man nur Geschrei, aber keine Zwischentöne.

Doch die Mutter merkt es nicht, der Arzt will es nicht wahrhaben, und die Freunde und Verwandten sind nicht minder blind und taub. Mißgeburten wie dieses Kind gibt es schließlich überall. Die ganze Kunstwelt ist voll davon.

Deshalb habe ich mich entschlossen, mein Ehrenamt als Geburtshelferin nur noch auszuüben, wenn ich mir wirklich sicher bin, daß die Schwangere ihr Kind nicht als ein Objekt betrachtet, das ihr Bewunderung eintragen soll, und es fallenläßt, sobald die Leute mit diesem Kinde nichts anfangen können.

Diesmal war ich mich sicher. Und es hat sich gelohnt, daß ich bei der Geburt geholfen habe. Wann das Gedicht zu hören und/oder zu lesen sein wird, kann ich nicht sagen. Genug, daß es sich um einen kurzen Text handelt, dessen Qualität nur erkennen kann, wer imstande ist, mit den Augen zu hören und mit den Ohren zu lesen.

Dienstag, 12. Juli 2011

Über das Bachmannblogging

und das Bachmanntwittering hätt' ich gestern noch so manches schreiben können, wäre es mir nicht wichtiger gewesen, mit einem respektablen Kollegen aus der Bremer Dichterszene über seine Lyrik zu sprechen. Doch nun es ist müßig, all das nachzutragen, was mir durch den Kopf ging. Denn eben erst bin ich durch meine Referrals darauf gestoßen, daß Frau Sopranisse, eine der beliebtesten Bachmannbloggerinnen, einen Abschweif veröffentlicht hat, der mit diesen Worten beginnt:
Ich bin korrumpiert. Es geht nicht mehr. Die Zeit des unbeschwerten Lästerns, sie ist dahin und kehret nimmer zurück.
- und davon handelt, was ich gestern (unter anderem) hier geschrieben habe, etwa zur selben Zeit, als Frau Sopranisse bekannte, sie habe sich geschämt, als sie in Klagenfurt einem der von ihr bespöttelten Autoren begegnete, erst via Google und dann leibhaftig:
Eine harmlose Schmähung, die ich auch mit Abstand berechtigt finde. Kein Grund, sie zurückzunehmen. Trotzdem Scham auf meiner Seite. Am Abend stehe ich mit dem Autor im Garten, schöne Gespräche, Restscham. Eigenscham, nicht Fremdscham.
Und die Konsequenz? Das ist hier nachzulesen und sollte vor allem all jenen eine Lehre sein, deren Kommentare mich dazu bewogen haben, gestern anzumerken:
Bachmannblogging ist im Prinzip nichts anderes als Bachmannmobbing. In noch höherem Maße gilt dies für das Bachmanntwittern. [...] Schon längst gilt die Devise: Comedy statt Kompetenz.
Nun ist Frau Sopranisse (die stets mehr zu bieten hatte als bloß Comedy) von der Titanic abgesprungen:
Nicht die Erfolglosen schmähen, nicht die Neulinge, nicht die, die schon am Boden liegen. Nicht ihre Frisuren, nicht ihre Sprachfehler, nicht ihre Nervosität. Texte schmähen, nicht Personen. Sich beim Schreiben fragen, ob man das auch dem Autor ins Gesicht vertreten kann.
Ego te absolvo.

Montag, 11. Juli 2011

Bachmannwettbewerb 2011: Das Nachlesemarathon

ist nun wieder in vollem Gange. Und bemerkenswert ist, daß nun auch Bachmannblogger Beachtung finden, so etwa beim Perlentaucher oder oder im Freitag, der bereits gestern eine Netzschau: Das Wettlesen in Klagenfurt online gestellt hat.

Verdientermaßen wird Andrea Diener in beiden Artikeln genannt; sie, eine Antville-Bloggerin der ersten Stunde, schreibt bereits seit 10 Jahren kompetent und druckreif über das Wettlesen in Klagenfurt. Erst sehr viel später, nachdem die Bloggerin Kathrin Passig den Bachmannpreis erhalten hatte, machten sich auch andere in der (Jungjournalisten-) Szene bereits bekannte Bloggerinnen und Blogger daran, den Wettbewerb kommentierend zu begleiten, mehr oder minder aufmerksam und in mehr oder minder regem Austausch mit ihrer Fangemeinde, zuweilen auch vor Ort, und dies aus gutem Grunde: hat sich doch das Bloggen längst als karriereförderlich erwiesen, wenn man nicht zu alt, zu jwd und gar zu eigenwillig ist. Für beruflich ambitionierte Bachmannblogger ist es also ratsam, ihre Meinung (falls vorhanden) erst dann unmißverständlich zu äußern, wenn klar ist, wen das Publikum als Verlierer und wen als Sieger sehen will. Bis dahin unterhalte man sich selbst und seine Leser mit ironischen Bonmots über die Autoren und Juroren. Das kommt immer gut an, bei den Fans und bei den Medien. Bachmannblogging ist im Prinzip nichts anderes als Bachmannmobbing. In noch höherem Maße gilt dies für das Bachmanntwittern. Wer am schrillsten zwitschert, hat die größten Chancen, irgendwann einmal ein warmes Nest im Kulturbetrieb zu finden. Schon längst gilt die Devise: Comedy statt Kompetenz.

Auch deshalb wohl wird, was ich (aus technischen Gründen: erst) seit 2004 über den Wettbewerb schreibe, von den Mainstream-Medien übergangen: denn es ist, da live und dennoch ausführlich gebloggt und also nicht druckreif, einerseits ein Kontrastprogramm zu den abends erscheinenden langen Artikeln meiner Kollegin Andrea, andererseits, da trotz der Eile begründet, ein Kontrastprogramm zu all den vielen aus dem Bauch heraus gebloggten und getwitterten Kommentaren. Zählte ich zu den typischen Zeitgeistjournalisten, könnt' ich hweblog nicht ertragen. Denn hweblog wäre mir zu schnell. Und läse ich hier mit, dann nicht aus Sympathie, sondern nur zähneknnirschend und klammheimlich, um das eine oder andere für meine Klagenfurtnachlese zu verwerten. Schon aus diesem Grunde würd' ich dieses Blog niemals erwähnen, wenn's um das Bachmannblogging geht. Wahrscheinlich aber würde ich dieses Blog nicht einmal kennen. Denn angesichts des Zeitdrucks und meiner miesen Bezahlung hätt' ich keine Lust zu recherchieren oder, hätt' ich dieses Blog entdeckt, mich der Mühe zu unterziehen, all das Zeugs auch nur zu überfliegen. Ein obskures Blog wie dieses, das auch von bekannten Bloggern kaum oder gar nicht gelesen wird, kann ohnehin nix taugen, zumal nicht dann, wenn die Autorin solche Artikel wie diesen schreibt.

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